Über Sprache und Identität

@Wir machen das Magazin Vor ein paar Tagen habe ich ein kleines Notizbuch wiedergefunden, das ich vor Jahren auf einer Campingreise dabeihatte. Eines Nachts habe ich mit schwarzem Kugelschreiber für mich selbst eine Notiz hineingeschrieben. Ich notierte, dass ich wichtige Gedanken auf Kurdisch denke und weniger persönliche Dinge auf Arabisch oder in einer anderen Sprache – manchmal auf Englisch und selten auf Deutsch. Es könnte damit zusammenhängen, dass ich in Syrien kein Kurdisch sprechen durfte. Noch immer kann ich mich an diese Nacht erinnern – und an das, was diese Erkenntnis mit mir gemacht hat.


Wir lebten früher in einer Stadt namens Qamischli im Norden Syriens. In dem Viertel, in dem ich mit meiner Familie wohnte, lebten überwiegend Kurd*innen. Die Generation meiner Eltern kann kein einziges Wort Arabisch, ihr ganzes Leben haben sie auf Kurdisch gelebt, zumal sie, wie auch meine Oma, keine Schule besucht haben.


An meinem ersten Schultag, nachdem wir zum Fahnenappell angetreten und die Nationalhymne gesungen hatten – von der wir kein Wort verstanden –, gingen wir in den Klassenraum. Unsere Lehrerin, selbst Kurdin, kam herein. Sie verbot uns, Kurdisch zu sprechen, und zwang uns, ausschließlich auf Arabisch zu kommunizieren. Dabei konnten einige von uns die Sprache überhaupt nicht. Aber der kurdische Direktor und alle anderen kurdischen Lehrer*innen sagten dasselbe. Sogar die Putzkräfte verboten uns Kindern, die vertraute Sprache zu sprechen. Aus Angst, wir könnten dafür bestraft werden.


Es war verboten, auf Kurdisch zu sprechen, kurdische Musik zu hören, kurzum alles, was mit der Sprache zu tun hatte. Das galt nicht nur für die Sprache, sondern schloss auch Kultur, Sitten und Bräuche ein – sogar die Feier des Nouruz, des persischen Neujahrs- und Frühlingsfests. Denn dies alles existierte nicht für die chauvinistischen Machthaber der Familie al-Assad. Kurd*innen genossen lange Zeit keine Anerkennung. Viele wurden als Ausländer*innen bezeichnet oder waren gar nicht erst registriert. Die offizielle Anerkennung von Kurd*innen als ethnische Minderheit in Syrien erfolgte erst nach dem Aufstand in Qamischli im Jahre 2004.


Es gibt ein kurdisches Sprichwort, das besagt, dass man kurdisch ist, wenn man kurdischen Tanz beherrscht und Kurdisch spricht. Deshalb haben wir tanzen gelernt und uns die kurdische Sprache aus Büchern beigebracht. Wir haben Wörter in der Sprache unserer Vorfahren gelesen und die Bücher dann wieder versteckt. So haben wir die Sprache vor dem Aussterben bewahrt. Trotzdem habe ich Kurdisch nicht gut genug gesprochen, um es im Berufsleben nutzen zu können, es blieb die Sprache meines Privatlebens. Noch immer weiß ich längst nicht die Bezeichnungen für alle Gegenstände auf Kurdisch, nur auf Arabisch.


Mein Vater ist Kurde, meine Mutter Araberin, ich bin bilingual aufgewachsen. Zu Hause sprachen wir Kurdisch und Arabisch, dazu lernte ich Englisch, Deutsch und wenige Wörter anderer Sprachen. Und da Sprache einen großen Teil der Identität ausmacht, bin ich mit einer gemischten Identität aufgewachsen. Auf Kurdisch spielte sich der Alltag ab, das Arabische war der Schule, dem Studium, dem Lesen, der Arbeit und dem Schreiben vorbehalten.


Manchmal bringt mich das durcheinander. Es gibt Wörter, die ich in einer Sprache kenne, in einer anderen jedoch nicht. Für Küchenutensilien und -geräte, auch für Gemüse, kenne ich jeweils nur in einer Sprache die Bezeichnungen. Für manche Gemüsesorten und Kräuter kenne ich sie nur auf Russisch, weil meine Eltern in der Sowjetunion studiert und lange Zeit dort gelebt haben. Vor ein paar Tagen habe ich meiner Tochter unbewusst etwas auf Russisch zugerufen. Genauso hat uns meine Mutter gerufen, als wir klein waren. Keine Ahnung, warum mir die Worte plötzlich auf der Zunge lagen.


Theoretisch spreche ich vier Sprachen, praktisch jedoch keine. Literarische Texte schreibe ich auf Arabisch, drücke meine Gefühle auf Kurdisch aus, führe meine Liebesbeziehung auf Englisch und spiele Fußball in einer deutschen Mannschaft, mit deren Spielern ich auf Deutsch kommuniziere. Das ist mein Alltag. Er spielt sich in vier Sprachen und mit vier Identitäten ab.


Meine Tochter ist eine Mischung aus all diesen Identitäten. Ihr Vater ist kurdischer Araber, ihre Mutter Deutsche. Ich spreche mit ihr auf Kurdisch und lese ihr auf Arabisch vor, ihre Mutter auf Deutsch – uns beide hört sie Englisch miteinander reden. Zurzeit spricht meine Tochter Wörter in verschiedenen Sprachen. Ihr erstes Wort war auf Italienisch – „Amore“ –, da unsere italienischen Freunde es mehrmals vor ihr wiederholt haben.


Eines Tages wird Mila mit dem „Problem“ ihrer Identität konfrontiert werden, genau wie alle anderen, deren Eltern aus zwei verschiedenen Ländern stammen. Wie diejenigen, die an einem Ort zur Welt kommen und dann an einem anderen leben. Doch unsere Tochter wird multilingual aufwachsen, was ihr Türen öffnen wird, die für monolingual Aufwachsende häufig verschlossen bleiben. Ich hoffe, dass sie der Welt dadurch mit offenem

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